Laudatio von Michael Grau, Kunstreferent und Kurator
zur Vernissage von "cryptocrumbs" am 20.09.2011

Beide Künstler für sich habe ich als höchst kreativ kennengelernt, aber als Künstlerduo potenziert sich diese Energie noch einmal. Wie im Improvisationstheater scheinen sie sich die Bälle zuzuwerfen und so entstehen Arbeiten von großer Leichtigkeit, verbunden mit einem entwaffnenden Blick auf die Realität. Es macht richtig Spaß sich auf ihre Kunst ein zu lassen – aber Vorsicht man könnte schnell auch auf eigene existenzielle Fragen geworfen sein.

 

„Schroedingers Hund“ stellt sie sich explizit in das Spannungsfeld von Kunst, Wissenschaft und interdisziplinären Nonsens.

 

Am besten lässt sich das aus dem Namen selbst erklären, der sich aus der Verfremdung von Schrödingers Katze herleitet.
Bei Schrödingers Katze handelt es sich um ein Gedankenexperiment aus der Physik, das 1935 von Erwin Schrödinger vorgeschlagen wurde. Es sollte die Unvollständigkeit der Quantenmechanik demonstrieren.

 

Sehr vereinfacht geht es darum, dass im Moment der physikalischen Messung die Unbestimmtheit in der Quantenmechanik kollabiert und in eine seiner Teilzustände zerfällt.


„Man kann auch ganz burleske Fälle konstruieren. Eine Katze wird in eine Stahlkammer gesperrt, zusammen mit folgender Höllenmaschine (die man gegen den direkten Zugriff der Katze sichern muß): in einem Geigerschen Zählrohr befindet sich eine winzige Menge radioaktiver Substanz, so wenig, daß im Laufe einer Stunde vielleicht eines von den Atomen zerfällt, ebenso wahrscheinlich aber auch keines; geschieht es, so spricht das Zählrohr an und betätigt über ein Relais ein Hämmerchen, das ein Kölbchen mit Blausäure zertrümmert. Hat man dieses ganze System eine Stunde lang sich selbst überlassen, so wird man sich sagen, daß die Katze noch lebt, wenn inzwischen kein Atom zerfallen ist. Der erste Atomzerfall würde sie vergiftet haben. Die Psi-Funktion des ganzen Systems würde das so zum Ausdruck bringen, daß in ihr die lebende und die tote Katze (s. v. v.) zu gleichen Teilen gemischt oder verschmiert sind. Das Typische an solchen Fällen ist, daß eine ursprünglich auf den Atombereich beschränkte Unbestimmtheit sich in grobsinnliche Unbestimmtheit umsetzt, die sich dann durch direkte Beobachtung entscheiden läßt. Das hindert uns, in so naiver Weise ein „verwaschenes Modell“ als Abbild der Wirklichkeit gelten zu lassen…“
Erwin Schrödinger


Spannend daran ist ja, dass in diesem Modell Wirklichkeit beschrieben wird, die sich sozusagen durch Beobachtung, Wahrnehmung verändert.


Beobachtung und Wahrnehmung sind ja nun nicht nur Methoden der Wissenschaft, hier der Physik, sondern grundlegendes Element der Kunst. Weitergesponnen würde das bedeuten, dass durch die Wahrnehmung des Künstlers oder des Kunstbetrachters zum einen die Kunst und zum anderen aber auch die Realität an sich verändert wird und das nicht nur subjektiv, sondern objektiv.
Ich fände es sehr spannend, dieses Modell übertragen auf die Spiritualität mit einem Theologen zu diskutieren.


Richtig spannend wird es in der Kunst, wenn man von der Katze auf den Hund kommt: Schrödingers Hund nämlich.
Und so sind wir am heutigen Abend angekommen.
Wir haben es ja heute mit Geheimbröseln zu tun mit Cryptocrumbs. Ein Wortspiel aus Cryptogramm = Geheimtext (Mathematische Rätsel) und crumbs = engl. Brösel

Was wir sehen, sind Originaltexte aus Glückskeksen, die an sich je schon originell sind, vor allem in ihrer deutschen Übersetzung, kombiniert mit Fotographien, die mehr zufällig als gezielt ausgewählt wurden Kunst ist an sich schon immer kryptisch, in dieser Ausstellung gilt es eine mehrfach gesicherte Codierung zu knacken. Das ist wörtlich zu verstehen, denn der erste Schritt zur Entschlüsselung dieser Botschaften ist ja das Aufbrechen des Glückskekses, sozusagen das Brechen des Brotes, die „Zerbröselung“ des Materiellen. Nun könnte man meinen man ist am Ziel, eine Botschaft speziell für mich, existenziell bedeutsam, da getragen von der Weisheit fernöstlicher Spiritualität.


Hier muss ich Sie enttäuschen und möchte kurz auf die Geschichte der Glückskekse eingehen:
Der älteren Theorie nach kam die Idee, solche Kekse herzustellen und sie nach dem Essen zu verteilen, angeblich dem japanischen Einwanderer Makato Hagiwara, der in San Francisco einen japanischen Teegarten im Golden Gate Park betrieb. 1909 soll er begonnen haben, Glückskekse zum Tee zu verteilen und sie später auch Restaurantgästen nach dem Zahlen vor dem Heimweg geschenkt zu haben, damit diese sich über die fernöstlichen Weisheiten unterhalten und lange an ihn zurück denken mögen.
Allein dadurch, dass diese Kekse zum Kunstobjekt erhoben wurden, ließe sich trefflich über Spiritualität, Aberglaube und erfolgreiches Marketing philosophieren.


Aber wir haben ja noch einen weiteren Code zu knacken: die erwähnten Botschaften, selbst bereits Kryptogramme, da es sich um geschriebenen Text in einer bestimmten Sprache handelt, sind verknüpft worden mit Bildern, die als Kunstfotografie ja auch schon wieder subjektive Wiedergabe von Wirklichkeit, also verschlüsselt sind und in ihrer Entstehung völlig zusammenhangslos zu den Texten sind.


Und jetzt passiert das Schöne in der Kunst, dass das Zusammenbringen zweier Elemente nie nur die Summe einer Addition ergibt. Es entsteht etwas völlig Neues.
Was das sein wird, kann ich hier natürlich nicht sagen. Dieses Rätsel muss jetzt jeder von Ihnen für sich lösen – denn Sie wissen ja: allein das Zerbröseln eines Glückskeks oder die Betrachtung eines Kunstwerkes verändert Wirklichkeit.


In diesem Sinne…
danke ich den Künstlern des heutigen Abends für Ihre Cryptocrumbs und allen die zum Gelingen der Vernissage und der Ausstellung beigetragen haben mit Schokocryptos und wünsche allen einen angenehmen Abend.

 

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